Management und Führungsaufgaben werden immer häufiger von intelligenten Algorithmen übernommen. Der Algorithmus oder die App wird zum Boss. Diese Entwicklung beschäftigt neben Politik und Praxis zunehmend auch die arbeitswissenschaftliche Forschung.
So auch in dem von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin initiierten Projekt PRISAM. Die Arbeitspsychologin Dr. Anne Kempter stellte es auf einer Tagung der DGUV Akademie Dresden vor.
Anne Kemter, BAuA
Die meisten, wenn sie an algorithmisches Management denken, denken klassisch an den Lieferandofahrer, der mit dem Rad unterwegs ist oder Volt oder Uber. Wir haben aber algorithmisches Management, das heißt Algorithmen verteilen die Arbeitsaufgaben, monitoren die, sammeln Feedback, auch in Betrieben, zum Beispiel in Logistikwerkstätten. Mitarbeitende in Betrieben sind meistens direkt beim Betriebsangestellt, während wir gerade in der Plattformökonomie die Form der Soloselbstständigen haben und der Subunternehmen.
Und da gibt es spezielle Risiken, zumindest können wir die aufgrund des jetzigen Forschungsstandes annehmen.
Der Einsatz von KI-Systemen wird kontextabhängig kontrovers bewertet. Neben Vorteilen und Chancen werden Risiken vor allem in puncto psychischer Belastung festgestellt und die erhobenen Daten sind eine wichtige Voraussetzung für Handlungsempfehlungen.
Anne Kemter, BAuA
Wir fokussieren vor allem auf psychosoziale Isolation. Das heißt, wenn Leute unter algorithmischem Management arbeiten, kann es eben zur sozialen Distanz kommen. Man arbeitet nicht mehr mit Leuten zusammen, man arbeitet nicht mehr direkt mit der Führungskraft zusammen, weil die App der Boss ist.
Das heißt, der persönliche Kontakt nimmt ab und damit auch die Ressourcen, die eine Führungskraft oder ein Kollege oder eine Kollegin geben kann. Und das gucken wir uns an und wollen dafür auch eine Intervention entwickeln, beziehungsweise das entwickelt das Uniklinikum Ulm. Für uns als Bundesanstalt ist natürlich auch der Arbeitsschutz sehr relevant.
Das heißt, wir gucken uns an, was gibt es für Risiken, wie beeinflussen diese Risiken auch den Arbeitsschutz und die Präventionskultur und welche Handlungsempfehlungen kann man dabei ableiten.
Die Technologie überholt oft die Forschung. Doch die bisherigen Daten zeigen bereits schon jetzt einen deutlichen Handlungsbedarf in Bezug auf psychische Belastung.
Anne Kemter, BAuA
Es gibt auch weitere Forschung zu AM und überwiegend sind das qualitative Fallstudien und die zeigen die psychosozialen Belastungen aus. Es gibt bisher nur wenige quantitative Studien, die mehrheitlich Hinweise auf Risikowirkungen haben. Und im Zusammenhang mit AM ist zum Beispiel bekannt, dass wir eine geringere Jobautonomie haben, gleichzeitig eine wesentlich höhere Arbeitsgeschwindigkeit und unterschiedliche Dinge zu sozialer Unterstützung.
Da gibt es inkonsistente Befunde. Das sind die Beanspruchungsfolgen von AM. Wir wissen zum Beispiel, dass wir ein geringeres Wohlbefinden haben.
Wir haben auch wesentlich mehr arbeitsbezogene Ängste. Wir haben auch ein stärkeres Irritationsgefühl und wir haben auch ein verringertes Arbeitsengagement. Und erhöhtes Auftragen von gesundheitlichen Beschwerden.
Kritisch wird es vor allem dann, wenn der Mensch die Kontrolle komplett an das System abgibt. Das zeigt sich besonders dann, wenn der Algorithmus Führungsaufgaben übernimmt.
Anne Kemter, BAuA
Die Risiken liegen hauptsächlich darin, wenn man alle Führungsaufgaben auslagert. Man muss durchaus sagen, es gibt auch Chancen, wenn ich zum Beispiel nur die Appplanung, die Tourenplanung über algorithmisches Management durchführe und die als Person auch noch kontrolliere, liegt darin eine Chance. Es ist automatisch das Risiko, wenn die Führungskraft zum Beispiel solche algorithmischen Ergebnisse nicht mehr gegenkontrolliert.
Und wir haben natürlich das Problem, wenn es überhaupt keine Interaktion zwischen den Mitarbeitenden und der direkten Führungskraft gibt. Dabei kann die Führungskraft nicht erkennen, wenn die Person überlastet ist. Überlastet meine ich jetzt nicht im psychologischen Sinn, sondern überbeansprucht.
Und sie kann auch nicht mehr direkt führen. Sie kann zum Beispiel auch nicht bei Verstößen gegen den Arbeitsschutz eingreifen und sagen, hier fehlt zum Beispiel die persönliche Schutzausrichtung.
Genau wie eine Maschine braucht auch algorithmisches Management einen Notausschalter. Die menschliche Letztentscheidung. Doch wie gelingt die gesunde Einführung von KI-Anwendungen im Betrieb?
Anne Kemter, BAuA
Wenn ich das im Unternehmen einführen will, wäre es wichtig, die betroffenen Personen, also alle Stakeholder, also Führungskräfte, Mitarbeitende, aber auch den Arbeitsschutz, in die Entwicklung des Systems und der Einführung zu beteiligen, um mögliche Risiken zu erkennen und auch den Prozess transparent zu gestalten. Wir brauchen erstmal Regulation. Die EU-Plattformrichtlinie muss in Deutschland bis Ende des Jahres umgesetzt werden.
Das ist ein ganz wichtiger Schritt.
Algorithmen verändern die Arbeit im Sekundentakt. Chancen und Risiken begleiten deren Einsatz. Der Gesetzgeber steht vor der schwierigen Aufgabe, einen Ausgleich zu finden zwischen dem Innovationsinteresse der Arbeitgeber und dem Gesundheitsschutz für die Beschäftigten.
Der digitale Wandel wartet nicht auf Gesetze. Umso wichtiger ist es, dass Betriebe heute schon handeln, indem sie bereits vorhandene Instrumente nutzen. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ist ein perfektes Werkzeug dafür, KI-Anwendungen gesundheitsgerecht einzusetzen.
Weitere Informationen zum Thema KI in der Arbeitswelt im aktuellen Medientipp.