Mobbing am Arbeitsplatz

Keiner will es und doch passiert es. Laut einer durch das BMAS in Auftrag gegebenen Studie sind 6,5% der Beschäftigten von Mobbing am Arbeitsplatz betroffen. Auch wenn diese Zahl auf den ersten Blick nicht besonders hoch erscheint, sind die Auswirkungen nicht zu unterschätzen, – für die Betroffenen und Unternehmen. Durch Mobbing sind die Beziehungen aller daran Beteiligten nachhaltig gestört und das hat sowohl psychische als auch ökonomische Folgen.
Wie konnte das passieren? Ist das schon Mobbing, was hier gerade bei uns stattfindet? Was kann und was muss man da tun ? Diese Fragen stellt man sich im Unternehmen, wenn Konfliktsituationen zu eskalieren drohen. Auf dem 26. Forum Arbeitsmedizin in Deggendorf hat die BG RCI Mobbing zu einem Thema gemacht, Informationsmaterial vorgestellt sowie Arbeitsmediziner und Betriebsärzte dazu befragt.

26. Forum Arbeitsmedizin Deggendorf

In Rahmen ihrer Beratungstätigkeit müssen sich auch Betriebsärzte mit dem Thema Mobbing auseinandersetzen. Für Michael Strösler vom Verband der Werks- und Betriebsärzte ist Mobbing am Arbeitsplatz ein Tatbestand gegen den konsequent angegangen werden sollte. Betriebsärzte können die Unternehmen sowohl in Prävention als auch Intervention unterstützen.

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Dr. med. Georg Meyer
„Herr Doktor, wir haben ein ganz großes Problem. Der Mitarbeiter, der kann nicht mehr arbeiten, können Sie den einmal beraten?“ Und dann sieht man, wenn der Mitarbeiter mitmacht, wo das Problem liegt.

Wie komplex und vielfältig das Aufgabenfeld eines Betriebsarztes sein kann, davon zeugt auch das Programm dieses 26. Forums Arbeitsmedizin, dessen Initiator der Allgemein-, Arbeits- und Umweltmediziner Dr. Georg Mayer ist.

Dr. med. Georg Meyer
Der Betriebsarzt hat deswegen eine große Bedeutung, weil er immer im Betrieb ist oder meistens im Betrieb. Und er wird fast schon ein bisschen als Mitarbeiter oder Beichtvater hier empfunden. Und es ist so, der Mitarbeiter hat Vertrauen, dass zuerst mal hier die ärztliche Schweigepflicht absolut hier eingehalten wird.

Zum Spektrum dieser Tagung gehören neben den klassischen arbeitsmedizinischen Themenfeldern auch psychische Belastungen am Arbeitsplatz.

Nicole Jansen, Diplom-Psychologin BG RCI
Mobbing ist ja eigentlich kein Thema für die meisten von uns hier, oder? Es sei denn, Sie sind dick oder dumm oder zu schlau, vielleicht auch ein bisschen besonders empfindlich, womöglich eine Frau oder aber ein Mann. Mobbing, Opfer zu sein, ist keine Persönlichkeitseigenschaft, sondern ein systemisches Problem. Und dadurch kann es eben jeden von uns treffen, wenn er in einem entsprechenden System tätig ist.

Mit „Fair geht vor“ stellte die Arbeitspsychologin Nicole Jansen von der BG RCI eine unter ihrer Federführung entstandene Informationsbroschüre zum Thema Mobbing vor.
Was ist Mobbing, wie entsteht es, was kann man in puncto Intervention und vor allem Prävention dagegen tun?
Mit diesen Fragen müssen sich auch Betriebsärzte in ihrer Arbeit auseinandersetzen. Für den Arbeitsmediziner Michael Strößler, Mitglied im Verband der Betriebs- und Werksärzte, ist es wichtig, hier klar zu definieren.

Michael Strößler, Betriebsarzt
Den Begriff Mobbing, den höre ich relativ häufig. In sehr, sehr vielen Fällen ist es, ich sage immer, das umgangssprachliche Mobbing und nicht das Mobbing, das dann auch definiert ist, wo es darum geht, dass jemand gezielt eine andere Person schädigen, ausgrenzen oder beeinträchtigen möchte. Das ist ja doch ein sehr, sehr großer Unterschied.
Sehr häufig stellt sich dann heraus, dass es Konflikte mit einem Kollegen sind, eine Auseinandersetzung oder auch mit der Führungskraft. Manche Dinge auch länger bestehen und da kann man so ein bisschen mit den Mitarbeitern zusammen anfangen, zu sortieren, um was geht es überhaupt, um dann zu entscheiden, was wäre denn ein sinnvoller nächster Schritt.

Doch was tun, wenn der Arbeitsplatz droht zum Tatort zu werden?

Michael Strößler, stellv. Vorsitzender des VDBW_Landesverband Bayern-Nord
Bei uns werden Schulungen angeboten. Da steht jetzt nicht Mobbing drüber, aber „gesundes Führen“ und beinhaltet aber viele Aspekte, unter anderem auch das Thema Mobbing und die Aufklärung dazu. Das wird gemacht und wir brauchen den Betriebsrat dazu, die auch eine Kenntnis brauchen, wie kriegen wir das denn auseinander, weil da eben, wie am Anfang schon gesagt, das Umgangssprachliche häufig kommt und wenn das wirklich der Tatbestand Mobbing ist, ich nenne es jetzt mal Tatbestand, dann verweise ich auch tatsächlich und sage, damit gehen Sie bitte auch zum Betriebsrat, weil das ist ein Thema, das kann ich nicht alleine machen und mit dem Betriebsrat dann auch auf den Arbeitgeber zu.

Auch wenn es in Deutschland analog zum Gleichbehandlungsgesetz, dem AGG, kein spezifisches Gesetz gegen Mobbing gibt, im Rahmen der Fürsorgepflicht ist für den Arbeitgeber konsequentes Handeln gegen Mobbing verpflichtend.

Michael Strößler, Betriebsarzt
Wir haben jetzt in einem größeren Unternehmen noch den Luxus, dass wir eine Sozialberatung haben, wo ich ergänzend hinverweisen kann, wo wir dann noch mal ein geschulteres Personal haben, die dann auch mitentscheiden, braucht derjenige eine intensivere Beratung, vielleicht auch eine Therapie, an welche Stellen kann der sich außerhalb vom Unternehmen auch wenden, um voranzukommen. Das betrifft jetzt das große Unternehmen. Wenn ich jetzt so aus der Verbandssicht schaue, sind ja auch viele in kleineren und mittleren Unternehmen unterwegs und wenn man zu dem Thema was erreichen will, glaube ich, ist es wichtig, die Führungskräfte im Unternehmen, auch die Mitarbeiter zu informieren, darüber mal Bescheid zu wissen, wenn ich Mobbing sage, was löst es denn aus und wenn es dann tatsächlich vorhanden ist, würde ich jedem Unternehmen empfehlen, sich zu überlegen, wo haben wir Ansprechpartner, die dafür sensibilisiert sind. Haben wir die im Unternehmen, ist gut, haben wir die nicht im Unternehmen, muss ich mich schlau machen.
Arbeitgeberverbände bieten das zum Teil an, die Gewerkschaften bieten das zum Teil an, dann muss ich mir eben Experten außerhalb vom Unternehmen suchen und dahin verweisen, weil für den Betroffenen ist ja wichtig, dass er eine Stelle hat, wo er sein Problem geschützt schildern kann und dann kann man in Ruhe überlegen, wie geht man damit weiter um. Das ist auch kein Thema, das man mal so im Vorbeigehen erledigt.

Damit Mobbing gar nicht erst passiert, ist es entscheidend, begünstigende Verhältnisse und Strukturen zu erkennen und diese zu verändern. Ein wichtiges Instrument ist dabei die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung am Arbeitsplatz.

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